Meinung

Blick Richtung Asien: Russlands große Chance nach dem Niedergang Europas

Während Europa im Niedergang begriffen ist, bietet Russlands einzigartige geografische Lage eine große Chance, sich Asien zuzuwenden. Ein Vordenker des Waldai-Forums erklärt, wann und warum Moskau beschlossen hat, sich nach Osten wenden.
Blick Richtung Asien: Russlands große Chance nach dem Niedergang EuropasQuelle: Gettyimages.ru © Billy Hustace

Von Timofei Bordatschow

In der Hauptstadt des russischen Fernen Ostens, Wladiwostok, findet derzeit das jährliche Östliche Wirtschaftsforum (EEF) statt, eine wichtige öffentliche Veranstaltung und ein Schaufenster für die Hinwendung des Landes nach Osten.

Seit 2015 bringt das Forum russische und ausländische Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Zivilgesellschaft zusammen. Bei mehreren Gelegenheiten haben sogar Staatsoberhäupter der wichtigsten asiatischen Staaten daran teilgenommen – der chinesische Präsident Xi Jinping, der indische Premierminister Narendra Modi, der verstorbene japanische Premierminister Shinzō Abe und der Patriarch der Regionalpolitik, Mahathir bin Mohamad, aus Malaysia. Mit anderen Worten: Sowohl Russland als auch seine wichtigsten regionalen Partner haben die Ernsthaftigkeit der Pläne Moskaus demonstriert, seine Wirtschaft in das riesige und vielfältige politisch-ökonomische System Asiens zu integrieren.

Die ehrgeizige Politik der Hinwendung zu Asien wurde von Moskau vor etwas mehr als einem Jahrzehnt beschlossen, als Präsident Wladimir Putin die Entwicklung des Fernen Ostens und seine Integration in den Weltmarkt zu einer nationalen Priorität für das 21. Jahrhundert erklärt hat.

Es muss gesagt werden, dass Russland in seiner bisherigen Geschichte der Entwicklung der Beziehungen zu den asiatischen Ländern grundsätzlich nie eine Vorrangstellung eingeräumt hatte, trotz seiner starken Präsenz in der Region. Dafür gab es mehrere Gründe, von denen jeder schwerwiegend genug war, um die östliche Richtung auf den zweiten oder dritten Platz in der Liste der nationalen außenpolitischen Prioritäten zu verweisen.

Erstens hat Moskau, nachdem es vor fünfhundert Jahren seine bis dahin wichtigste Aufgabe – die Befreiung von der Bedrohung durch Steppennomaden – gelöst hatte, aus dieser Richtung keine Sicherheitsbedrohung mehr wahrgenommen. Die russische Macht konnte sich relativ leicht nach Osten ausbreiten und eroberte in Wellen des Siedlungs- und Verwaltungsaufbaus nach und nach neue Gebiete jenseits des Urals. Hier stieß sie fast nie auf Hindernisse oder Gegner, die ihre Existenz bedrohen konnten. Selbst der schwerste Schlag gegen unser imperiales Ego, der Zusammenstoß mit Japan zu Beginn des letzten Jahrhunderts, war für Russland nicht mehr als ein kolonialer Konflikt, der die territoriale Integrität des Staates nicht gefährden konnte.

Die einzige Zeit, in der die Bedrohung aus Asien greifbar war, war die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zunächst ging die Herausforderung von Tokio aus, das während seiner kaiserlichen Blütezeit die russischen Besitztümer im Fernen Osten bedroht hatte. Diese Bedrohung ist mit der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg verschwunden. Durch die Beteiligung der UdSSR an diesem Erfolg wurde das Problem vollständig gelöst.

Heute geht die Gefahr nicht von Japan selbst aus, sondern eher von den USA, die es kontrollieren. Russland hat übrigens eine gemeinsame Grenze mit diesem Land, aber dank der Abgelegenheit Alaskas vom Hauptgebiet der USA stellt dies kein größeres Sicherheitsproblem dar.

Zweitens war Russland wirtschaftlich und kulturell immer eng mit dem übrigen Europa und dem Westen allgemein verbunden. In dieser Hinsicht hat die Geographie die Zusammenarbeit und den Handel in einem solchen Ausmaß begünstigt, dass sogar die anhaltende Feindseligkeit der Westeuropäer gegenüber Russen die Westorientierung der Letzteren nicht umkehren konnte. Russland und andere europäische Länder befanden sich mehrmals im Krieg, aus dem Westen kamen immer wieder Kräfte, die den russischen Staat zerstören wollten. Aber selbst diese bekannten tragischen Ereignisse – vor allem die Invasionen von Adolf Hitler und Napoleon Bonaparte – konnten das Land nicht von seiner wirtschaftlichen, technologischen und kulturellen Hinwendung zum übrigen Kontinent abbringen.

In diesem Sinne ist Westeuropa in Russlands System der Außenbeziehungen das Gegenteil von Asien. Es war immer eine Bedrohung, aber es war leicht, nach dem Ende der blutigen Kriege wieder enge Beziehungen aufzubauen.

Drittens waren die asiatisch orientierten Regionen Russlands selbst nie dicht genug besiedelt und deshalb nie überragend wichtig für das Wirtschaftssystem des Landes. Aufgrund klimatischer und topographischer Faktoren war der östliche Rand Russlands immer wie die Spitze einer Klinge, die sich in beide Richtungen verjüngt und über eine nur lose Verbindung mit dem "Griff", den zentralen, geografisch in Europa liegenden Teilen des Landes, verfügt.

Ein schmaler Streifen Land, der sich für die Ansiedlung großer Bevölkerungsmassen eignet, verläuft entlang der Transsibirischen Eisenbahn und endet in einer einzigen großen Stadt – Wladiwostok. Im Gegensatz dazu erlaubt es beispielsweise in den USA das günstige Klima an der Westküste, dass sich mehrere große städtische Zentren an die Ufer des Pazifiks "klammern".

All diese Faktoren haben den Fokus des russischen Staates auf den Osten zweitrangig werden lassen. Und nur ein außerordentlich starker politischer Wille und die grundlegendsten Veränderungen in der Position Moskaus in der Weltpolitik können diese objektiven Kontraindikationen wirkungslos werden lassen.

Die Entwicklung der Beziehungen zu Asien wird zusätzlich durch die Tatsache erschwert, dass Russland geografisch gesehen von wichtigen Teilen des Kontinents (Indien, Südostasien) abgeschnitten ist. Zwischen Russland und diesen wirtschaftlich besonders stark wachsenden Regionen liegen ein riesiger islamischer Gürtel (unter anderem Zentralasien und Afghanistan) im Süden und das Riesenland China im Südosten. Die Entwicklung von Beziehungen zwischen Russland und Indien sowie Südostasien erfordert daher die Schaffung besonderer Transportverbindungen.

Asien selbst ist erst in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren zu einem bedeutenden Teil des internationalen Systems geworden. Die meisten der dortigen Staaten lösten ihre grundlegenden Entwicklungsprobleme und konzentrierten sich auf die Integration in die von den USA angeführte liberale Weltordnung. Washington, ein wachsamer Hegemon, förderte nie die horizontalen Beziehungen zwischen den Ländern, deren Beziehungen ihm wichtig waren. Russland wurde die Rolle einer weiteren Tankstelle in der Weltordnung zugewiesen, aber nur, um die westlichen Verbraucher zu bedienen.

Die letzten anderthalb Jahre waren eine Zeit, die sich in der Tat als Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Russland und Asien erweisen könnte. In erster Linie ist die Stärkung der Beziehungen zu den regionalen Mächten und ihren Volkswirtschaften für Moskau zu einer Notwendigkeit geworden. Das Bestreben des Westens, Russland wirtschaftlich und militärisch zu besiegen, hat zum raschen Abbruch zahlreicher Beziehungen zu anderen europäischen Staaten, zur Einschränkung von Investitionen und zu einer erheblichen Verlangsamung des internationalen Handels geführt. Unter diesen Bedingungen muss Russland unbedingt seine Beziehungen zu Asien ausbauen, wo nur ein einziger großer Staat – Japan – eine ähnliche Position einnimmt wie die USA und ihre NATO-Verbündeten.

In den Jahren 2022–2023 hat der Umfang der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und den asiatischen Ländern erheblich zugenommen, und Wladiwostok ist zu einem der wichtigsten "Tore" für russische Waren geworden. Angesichts der wachsenden globalen Turbulenzen sind die asiatischen Länder selbst daran interessiert, aktiv mit Russland Handel zu treiben und allmählich zu Abrechnungen in nationalen Währungen überzugehen.

Asien ist immer noch eine komplexe Region und ein in Moskau noch zu selten in Betracht gezogenes Reservoir an Partnerschaften. Doch nun sind zum ersten Mal in der Geschichte Russlands objektive Bedingungen dafür gegeben, dass wir den Schwerpunkt unseres Handelns dorthin verlagern.

Aus dem Englischen.

Timofei Bordatschow ist Programmdirektor des Waldai-Clubs.

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